May5
Es ist noch garnicht so lange her, da hab ich mich hier über Zensur und das Internet geäußert. Es ging um einen russischen Milliadär, der sich seine Unschuld an einem tödlichen verkehrsunfall erkaufen wollte und darum, ob Google in China bleiben wird oder nicht. All diese Dinge scheinen irgendwie weit entfernt und ich dachte immer: “Naja, andere Länder – andere Sitten. Sowas passiert bei uns ja zum Glück nicht mehr”. Einmal mehr muss ich mich selbst korrigieren:
Gestern Nachmittag fand eine Fachbereichsratssitzung an der Hochschule statt. Ein Tagesordnungspunkt dieser Sitzung war die Frage, ob Professoren ihre Skripte frei zugänglich machen sollten oder zumindest ein einheitliches Passwort dafür zu verwenden. Dieses Thema wurde etwa eine Stunde lang diskutiert, bis das Dekanat die Diskussion abgebrochen und einen Beschlussvorschlag zur Abstimmung gestellt hat. Der Antrag wurde abgelehnt. Während der Diskussion hat ein Student eine Auswahl der Argumente, die in der Diskussion angeführt wurden, mitgeschrieben und sie im studentischen Verteiler veröffentlicht. Bei jedem Argument war der Name desjenigen zu lesen, der es in die Diskussion eingebracht hatte. Ein anderer Student fand die Argumente der Professoren, die in dieser Email zu lesen waren so lächerlich, dass er im Forum der Fachschaft eine Diskussion gestartet hat, in der die Email des anderen Studenten vollständig (also inklusive der namen der Professoren) zitiert wurde.
Natürlich wurde diese Diskussion nicht zuletzt deswegen verfasst, um zu provozieren. Andererseits ist das Fachschaftsforum aber auch genau dazu da, solche Dinge zu diskutieren. Da dieser Thread einen Viewecount von fast 500 hatte, scheint es ja auch durchaus einen Diskussionsbedarf zum Thema “Passwortschutz für Skripte – Ja oder nein” zu geben. Einige der indirekt zutierten Professoren fühlten sich jedoch so missverstanden, dass sie im Dekanat ordentlich Druck gemacht haben. Zwei Professoren haben der Fachschaft sogar mit einer Klage wegen Verleumdung gedroht. Und das wohlgemerkt obwohl der Student, der diesen Thread gestartet war, garkein aktiver Fachschaftler ist. Da wir im Forum nicht die verantworten für alles Gepostete übernehmen können und darauf auch explizit hinweisen, hätte eine solche Klage also vermutlich wenig Chancen. (aber vielleicht liest dies hier ja auch ein Jurist, der mich aufklären möchte)
Heute Mittag schließlich kam der Dekan in die Fachschaft und hat uns aufgefordert, das Forum umgehend abzuschalten. Falls nicht würde er uns dazu zwingen, den Stecker für den Server zu ziehen. Zu meinem persönlichen Bedauern haben sich die zwei Leute, die zu diesem Zeitpunkt in der Fachschaft waren, davon beeindrucken lassen und das Forum mit dem Hinweis “Auf Anweisung des Dekanats ist das Forum aktuell offline” gesperrt. Nun haben sich also alle drei Parteien irgendwie lächerlich gemacht. Die zwei Profs mit ihrer völlig überzogenen Reaktion, die Fachschaft weil sie sich vom Dekanat bevormunden und einschüchtern lässt, und das Dekanat weil die Studenten (repräsentiert durch die vielen Posts im Forum) mundtot gemacht wurden.

Von wegen Zensur und Bevormundung gibt es bei uns in dieser Form nicht mehr. Offensichtlich wird sie praktiziert und es ist nicht einmal irgendjemandem Peinlich. Das Forum (http://forum.fbihome.de/) ist von überall her abrufbar und jeder kann sich einen Account machen. In genau diesem Kusammenhang wird immer wieder das Killerargument gebracht, dass Arbeitgeber sowas ja finden, es negativ bewerten und einen deswegen nicht einstellen. Dass es genau diese Dinge sind, mit denen man nicht nur sich selbst, sondern den kompletten Fachbereich (Im Falle der Profs also einen Arbeitgeber) ins Abseits befördert, ist vor lauter Angst vor einen schlechten Ruf im Internet wohl irgendie ins Hintertreffen geraten. Dabei waren die Zitate nicht einmal falsch. Sinngemäß haben die Betroffenen das wirklich so gesagt. Der Hund, der bellt ist eben immer auch derjenige, der gemeint ist. Und Hunde die bellen, beißen nicht.